maybrit illner | Sendung vom 05.07.2012 [Archiv]

maybrit illner

Alle Macht den Schulden - wird Deutschland in Brüssel über den Tisch gezogen?

Als "Eiserne Lady" ist Angela Merkel letzte Woche zum Gipfel nach Brüssel gereist mit dem Versprechen: "Wir geben nichts, wenn ihr nicht spart" - so lange sie lebe, werde es keine Eurobonds und keine Übernahme der Schulden anderer Euro-Staaten durch Deutschland geben ohne entsprechende Gegenleistungen.

Als geschlagene Kriegerin, so spotteten ihre Kritiker, sei die Bundeskanzlerin nach Berlin zurückgekehrt, über den Tisch gezogen vor allem vom italienischen Ministerpräsidenten Monti, in ihrer Sparpolitik gestoppt vom neuen französischen Präsidenten Hollande, gescheitert an einer Anti-Merkel-Front in der EU - nun werde die Euro-Rettung für Deutschland noch teurer.

Das wolle er sich nicht mehr viel länger anschauen, mault Horst Seehofer in München und droht wieder mal mit dem Ende der Koalition. Skeptisch gegenüber der eigenen Kanzlerin bleibt auch CDU-"Euro-Rebell" Wolfgang Bosbach: "Die Bundeskanzlerin und die Bundesregierung legen großen Wert auf die Feststellung, dass keine roten Linien überschritten worden sind. Das kann man so sehen, aber man kann auch sagen, dass im Zuge der Euro-Rettungsmaßnahmen die roten Linien immer wieder verschoben wurden, sobald man kurz davor stand..."

Die eigene "Kanzlermehrheit" hat die Regierungschefin in der letzten Woche verfehlt, sie ist angewiesen auf SPD und Grüne. Peter Gauweiler von der CSU, "Die Linke" und Tausende von Einzelklägern sind nach Karlsruhe gezogen und wollen vom Verfassungsgericht überprüfen lassen, ob Merkels Euro-Politik vom Grundgesetz gedeckt ist. Die Lage, so scheint es, ist dramatisch wie selten.

Ist sie das wirklich? Wird Deutschland in Europa wehrlos über den Tisch gezogen? SPD-Mann Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, kann das überhaupt nicht erkennen: Es gehe um die Rettung der Währung und den Zusammenhalt Europas: "Entweder gewinnen wir alle oder wir verlieren alle", ist Schulz sich sicher. Und auch Hans-Peter Keitel, der Spitzenvertreter der deutschen Industrie, sieht die Bundesregierung immer noch auf dem richtigen Weg: "Gerade für Deutschland und seine Exportwirtschaft ist die Gemeinschaftswährung das Fundament für Wohlstand und Beschäftigung".

Auf dem Holzweg ist Merkel dagegen aus Sicht der Linken Sahra Wagenknecht: Die Kanzlerin rette nicht den Euro, sondern "die Euros der Millionäre" und die Banken. Was wiederum natürlich auf scharfen Widerspruch stößt bei Michael Kemmer, dem Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes.

Eine hochrangige, höchst kontroverse Runde diskutiert am Donnerstag bei "maybrit illner" über die zentralen Fragen dieser Tage: Hat Angela Merkel ihre Führungsrolle bei der Euro-Rettung verloren? Wird der deutsche Steuerzahler jetzt noch mehr zur Kasse gebeten? Ist bald auch unser Wohlstand bedroht? Sind Deutschland und Europa bei der Euro-Rettung überhaupt noch auf dem richtigen Weg?

Gäste:Martin Schulz (SPD), Präsident des Europaparlaments
Wolfgang Bosbach (CDU), Vorsitzender Innenausschuss im Bundestag, Bosbach hatte im Bundestag gegen den ESM gestimmt
Sahra Wagenknecht (Die Linke), stellv. Partei- und Fraktionsvorsitzende
Hans-Peter Keitel, Präsident Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI)
Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer Bundesverband deutscher Banken (BdB)

05.07.2012

Sendungsinformationen

Donnerstag 05.07.2012, 22:15 - 23:20 Uhr 

VPS 05.07.2012, 22:15 Uhr


Länge: 65 min.

Talkshow, Deutschland, 2012

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