Deutsche Meisterschaft im Frauenrugby
„Und hinter mir kommen zehn andere, die mir helfen“
von Ralf LorenzenWeit abseits des Millerntors spielt die größte und zugleich eine der erfolgreichsten Abteilungen des FC St. Pauli. Der Ball ist nicht rund und das Tor 6,50 Meter hoch. Am Samstag stehen die Rugby-Frauen des Klubs mal wieder im Finale der deutschen Meisterschaft.
Mit dem Frühling ist auch wieder das Leben in den Hamburger Stadtpark eingezogen. Ruderboote queren den See, die Liegewiese ist mit Menschen übersät, Skater, Radler, Spaziergänger drängeln sich auf den Wegen. Besonders fröhliche und laute Stimmen kommen von einem Platz direkt neben der großen Open Air-Bühne, auf der sich den Sommer über Weltstars tummeln.Weltweite Rugby-GemeindeEs ist ein internationales Stimmengewirr aus englisch, französisch und deutsch, das einen empfängt, wenn man die Rugby-Anlage an der Saarlandstraße betritt. Auf dem großen Platz trainieren gerade junge Männer, daneben bauen etwas ältere Herren Bierbänke und einen Grill auf, vor der Kabine sammeln sich Frauen zwischen 14 und Ende 30.„Rugby ist ein sehr internationaler Sport“, sagt Johanna Jahnke, die sich bereits umgezogen hat. „Wenn man im Ausland ist, guckt man zuerst, ob da Rugby gespielt wird. Wir haben auch immer Austauschschülerinnen oder Studentinnen aus anderen Ländern in unserer Mannschaft.“Ausflug ins Rugby-MekkaHier draußen, weit ab vom Hauptverein des FC St. Pauli, ist die Rugby-Abteilung zu Hause. Und führt ihr ganz eigenes Leben. „Das ist wie eine große Familie hier“, sagt Jahnke, die Kapitänin der ersten Frauenmannschaft. „Ich habe mich noch nie in einem Verein so wohl gefühlt.“Seit die 29jährige Nationalspielerin vor 18 Jahren von einer Freundin hierher mitgenommen wurde und so etwas wie „Liebe auf den ersten Blick“ empfand, hat sie nicht nur etliche Deutsche Meisterschaften der St. Pauli-Frauen miterlebt, sondern auch für einige Zeit im Rugby-Mekka Neuseeland und in Schweden gespielt. „Man wir überall offen aufgenommen“, hat sie dabei erfahren.Endlich mal hinschmeißenDie Faszination des Sports hat die Veganerin dabei überall wiedergefunden. „Rugby beinhaltet alles, was ich mir von einem Sport erwarte. Vor allem hat man den Körperkontakt, den es im Alltag nicht mehr so gibt. Sich einfach mal hinschmeißen, dreckig machen, etwas Verrücktes tun. Mutig in eine Gegnerin reingehen und zu wissen, da kommen zehn andere hinter mir, die mir helfen. Das ist etwas ganz existenzielles, im Alltag sitzen wir ja alle in irgendwelchen gepolsterten Bürosesseln.“Lange Rugby-Geschichte bei St. PauliSeit 1989 spielen die Frauen beim FC St. Pauli Rugby in einer eigenen Mannschaft und sind seitdem achtmal deutsche Meisterinnen geworden. Rugby selbst brachten schon lange vorher die Brüder Paul und Otto Lang 1933 zum Kiezklub, wo sie vorübergehend Zuflucht erhielten, da sie ihren Heimatverein wegen ihrer jüdischen Herkunft verlassen mussten.„Wir wachsen im Moment ziemlich stark“ sagt Alina Stolz, die nicht nur Spielerin ist, sondern auch in der Geschäftsstelle für Organisation, Marketing und Presse zuständig ist. Mit über 500 Mitgliedern ist St. Pauli Rugby nicht nur der zweitgrößte Rugby-Verein in Deutschland, sondern auch die größte Abteilung innerhalb des Hauptvereins.Endlich wieder im Finale
„Gerade die Jugend- und Mädchenarbeit wird stark gefördert“, sagt Stolz. Das macht sich langsam bemerkbar, denn nach einem Einbruch vor ein paar Jahren hat sich der ehemalige Serienmeister wieder an die Spitze herangekämpft. „Rugby lernt man nicht in ein oder zwei Jahren“, sagt Johanna Jahnke. „Es dauert, das Spiel richtig zu verstehen. Wir haben ja nicht so viele Spiele in der Bundesliga und medial wird man mit dem Sport ja auch nicht so konfrontiert.“Aber in der Phase, in der sie „von jedem verdroschen wurde“, wie Stolz es ausdrückt, hat das Team zusammengehalten. Und steht nach einem hart umkämpften 25:17 gegen den deutschen Rekordmeister SC Neuenheim im Finale.Gefeiert wird auf jeden FallDort wartet im Stadtpark der scheinbar übermächtige Gegner vom Heidelberger RK, gegen den die St. Pauli-Frauen in der letzten Saison noch 0:65 verloren haben. „Eine Chance haben wir immer“, macht Jahnke sich Mut. „Aber realistisch gesehen ist die gering“, sagt Stolz. „Wir werden zwar von 500 Zuschauern kräftig gepuscht. Aber wir sollten uns nicht zu große Hoffnungen machen, denn hinterher zu weinen ist blöd.“ Im Gegenteil. Hinterher soll auf jeden Fall gefeiert werden. Die Bierbänke und der Grill stehen ja schon bereit.
01.06.2012
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„Rugby beinhaltet alles, was ich mir von einem Sport erwarte. Sich einfach mal hinschmeißen, dreckig machen, etwas Verrücktes tun.”Johanna Jahnke
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„Rugby lernt man nicht in ein oder zwei Jahren”Johanna Jahnke



