Olympia - Taekwondo
Kick den Dirk
von Andreas Morbach Die Taekwondoka Sümeyye Manz (22) steht in London vor ihrem zweiten Olympia-Start. Früher legte ihr Vater sein Veto gegen Fußball und Ballett ein, heute muss sich seine Tochter, Mutter eines dreijährigen Jungen, nicht nur mit ihren Gegnerinnen herumschlagen.Zwei Erlebnisse bei ihrer Olympia-Premiere vor vier Jahren sind Sümeyye Manz besonders gut in Erinnerung geblieben. Zum einen das Treffen mit Deutschlands Basketball-Riesen Dirk Nowitzki, der ihr in Peking irgendwann über den Weg lief – und der 165 Zentimeter großen und 49 Kilo leichten Dame eine Bitte erfüllen sollte. „Ich hab‘ ihn gefragt, ob ich ihn auf den Kopf kicken darf, ob er sich dafür hinstellen würde. Der hat das dann auch gemacht – ein geiles Erlebnis“, erzählt die Taekwondoka aus Nürnberg.
Mit Ronaldinho in der MensaUnd dann war da noch die Begegnung mit Brasiliens Starkicker Ronaldinho in der Mensa des Olympischen Dorfes. „Ich weiß gar nicht mehr, ob ich da extra hingerannt bin, um ihn zu treffen“, überlegt Manz, spricht vom „einmaligen“ Erlebnis Olympia – und weiß, dass ihr im fernen China bei Ronaldinhos Anblick auch die eigene Kindheit wieder ins Gedächtnis rückte. Denn auch die gebürtige Nürnbergerin, ältestes von vier Kindern einer türkischstämmigen Familie, wollte einmal Fußballerin werden. Aber ihr Vater wollte das nicht.„Mein Papa hat gesagt: Fußball ist Männersport. Ballett durfte ich auch nicht weitermachen. Das war zu weiblich“, erinnert sich die 22-Jährige, die schließlich beim TKD Özer Nürnberg landete, dem Taekwondo-Klub ihres Onkels und Heimtrainers Özer Gülec. Und die über ihren Papa Niyazi Gülec heute schmunzelt: „Ich glaube, er wollte einfach, dass ich eine Kämpferin werde. Deshalb hat er immer Ausreden gesucht.“Unter den Besten der WeltBöse ist sie ihm deswegen nicht mehr. „Im Endeffekt bin ich froh, dass er das damals gesagt hat. Sonst hätte ich vielleicht Fußball gemacht und wär‘ damit nicht weit gekommen. So ist das jetzt perfekt“, sagt die Frau, die im August olympisches Edelmetall aus London mit in die fränkische Heimat bringen will.2008 in Peking trat sie noch unter ihrem Mädchennamen Gülec an, schied in der ersten Runde gegen die spätere Bronzemedaillengewinnerin Dalia Contreras Riveiro aus Venezuela aus. „Ich war damals 18, unerfahren. Eine Medaille war da noch nicht so realistisch. Jetzt dagegen sehe ich mich unter den Besten der Welt“, betont Sümeyye Manz und legt sich fest: „Die Top fünf will ich in London schon erreichen.“
Schmerzhafter SpagatEines hat die Frau des Taekwondoins Daniel Manz bereits vor ihrem großen Auftritt am 8. August erreicht: Im Juni 2009, zwei Monate nach ihrer Hochzeit, brachte sie ihren Sohn Aurelio Kaan zur Welt – und belehrte danach all jene, die sie innerlich bereits aus dem Leistungssport verabschiedet hatten, eines Besseren. „Alle“, sagt Sümeyye Manz, „waren überzeugt, dass ich nach der Geburt unseres Sohnes nur zu Hause sitze und auf mein Kind aufpasse.“Es kam anders. „Weil ich allen beweisen wollte, dass ich das auch als Mutter schaffe“, betont die junge Mama, während sie mit dem Sohnemann in einem Nürnberger Restaurant im Freien sitzt. Vorbild für „viele andere Frauen“ will sie damit sein – auch wenn sie den Spagat zwischen familiären und sportlichen Verpflichtungen gerade schmerzhaft zu spüren bekommt.Nach Olympia nur MamaIhr Mann, 2008 noch Olympia-Fünfter in der Gewichtsklasse bis 68 Kilo, hat sich inzwischen mit der Deutschen Taekwondo Union überworfen. Ihn und den kleinen Aurelio Kaan hätte Sümeyye Manz bei ihren vielen Turnieren und Lehrgängen – zuletzt war sie für gut zwei Wochen in Venezuela und Kuba – gerne um sich. Doch das schwierige Verhältnis zwischen ihrem Gatten und dem pikierten Verband, der gerne mal ein Besuchs-Verbot verhängt, lässt solche Sonderwünsche meist nicht zu.Die Geschichte ist für alle Beteiligten stressig. Sümeyye Manz war wegen des Dauer-Zwists schon kurz davor, ihren Olympia-Traum für London ganz zu kippen. Der Verband seinerseits betont, ohne seine Unterstützung wäre die Athletin längst aus der Sportfördergruppe der Bundeswehr ausgeschlossen worden.„Das alles“, murmelt die kampfeslustige Taekwondoka, „ist nicht ganz einfach.“ Und deshalb gilt: „Für mich kommt jetzt Olympia – und danach will ich erst mal eine Pause. So, dass ich nur Zeit für mein Kind habe.“
05.07.2012
Deutsche Teilnehmer in London:
Sümeyye Manz (TKD Özer Nürnberg, Gewichtsklasse bis 49 kg)
Helena Fromm (PSV Eichstätt, Gewichtsklasse bis 67 kg)
Sümeyye Manz (TKD Özer Nürnberg, Gewichtsklasse bis 49 kg)
Helena Fromm (PSV Eichstätt, Gewichtsklasse bis 67 kg)
Olympia-Programm Taekwondo:
8. August: Gewichtsklasse bis 49 kg (Frauen), bis 58 kg (Männer)
9. August: Gewichtsklasse bis 57 kg (F), bis 68 kg (M)
10. August: Gewichtsklasse bis 67 kg (F), bis 80 kg (M)
11. August: Gewichtsklasse über 67 kg (F), über 80 kg (M)
8. August: Gewichtsklasse bis 49 kg (Frauen), bis 58 kg (Männer)
9. August: Gewichtsklasse bis 57 kg (F), bis 68 kg (M)
10. August: Gewichtsklasse bis 67 kg (F), bis 80 kg (M)
11. August: Gewichtsklasse über 67 kg (F), über 80 kg (M)



