Matthias Sammer
Der Erfolgshunger in Person
Matthias Sammer Vorstellung FCB
VideoSammer: Keine Alibis mehr
VoteIst Sammer der richtige Mann?
von Ralf Lorenzen„Gier nach dem Titel muss man spüren". Matthias Sammer wollte als Sportdirektor des DFB die Tugenden fördern, die viele nun bei der Nationalmannschaft vermissen. Mit Uli Hoeneß scheint er nun einen Wahlverwandten für seine Philosophie des Fußballs gefunden zu haben.Ein Bild wie aus einem Astrid-Lindgren-Roman. Vor der malerischen Kulisse eines schwedischen Sees lehnen sich Oliver Bierhoff und Jogi Löw in der Morgensonne gemütlich an die Hauswand des schmucken Mannschaftshotels und trinken Kaffee. Hinter dem Hausecke beladen 23 fröhlich frotzelnde Fußballer den Mannschaftsbus für die Fahrt zum nächsten Spieleort. Sportdirektor Matthias Sammer packt kräftig mit an. Nur nach Frotzeln scheint ihm nicht zu Mute.Verlorene MachtkämpfeSammer hat gerade einen Machtkampf verloren. Mittenhinein in die U21-Europmeisterschaft 2009 hatte er in einem Zeitungsinterview das letzte Wort über die Belange der U21 gefordert. Der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger schlug sich auf die Seite von Joachim Löw und pfiff Sammer zurück. Zuvor schon hatte Löw gegen Sammers Vorbehalte mit Rainer Adrion seinen Kandidaten für die Nachfolge von U21-Trainer Horst Hrubesch durchgesetzt.Dieser Vorgang wiederholte sich, als Adrion 2011 die Qualifikation zur U21-EM in Dänemark verpasste. Wieder hielt Löw seinen Kumpel gegen Sammers Wunsch im Amt. Seitdem scheinen sich der Bundestrainer und der Sportdirektor auf eine Zusammenarbeit geeinigt zu haben. Aber niemand konnte im Ernst erwarten, dass der Erfolgsmensch Matthias Sammer langfristig mit gebundenen Händen arbeitet. Er will immer die volle Kontrolle.Erfolge mit DFB-NachwuchsAuch wenn ihm der letzte Zugriff auf Deutschlands Elite-Nachwuchs bis zuletzt verwehrt wurde - unter der Ägide von Sportdirektor Matthias Sammer haben die DFB-Nachwuchsteams so viele Erfolge gesammelt, wie nie zuvor. So wurden die U 17, U 19 und die U 21 binnen zwölf Monaten jeweils Europameister.Mit einem "Zehn-Punkte-Programm zur Eliteförderung" trat er 2006 an, die Talentförderung des DFB zu optimieren. Er krempelte die Jugendmannschaften des DFB um, ließ von der U 15 bis hoch zur U 21 eine einheitliches System spielen und suchte sich die passenden Trainer dafür.Die entscheidende Weichenstellung dafür, dass Joachim Löw heute sagen kann, dass der Nationalmannschaft heute "viel mehr Talente als 2004/2005" zur Verfügung stehen, lag bei Sammers Amtsantritt allerdings schon sechs Jahre zurück. Nachdem das Nationalteam bei der Europameisterschaft 2000 mit nur einem Punkt ausgeschieden war, verpflichtete der DFB die Klubs zur Einrichtung von Nachwuchsleistungszentren und baute neue Stützpunkte auf.Heilsamen Schock nicht verhindertIndirekt war Matthias Sammer für den heilsamen Schock des Jahres 2000 mit verantwortlich. Hätte er nicht schon drei Jahre vorher wegen einer Infektion im Knie seine aktive Laufbahn beenden müssen, wäre er ohne Zweifel statt des reaktivierten Lothar Matthäus der Leader dieses Teams gewesen. Und hätte es womöglich wie 1996 zum Erfolg geführt und damit einmal mehr die strukturelle Krise des deutschen Fußballs überdeckt.So aber war der DFB zum Handeln gezwungen. Und Matthias Sammer startete seine zweite Karriere als Trainer. 2002 wurde er mit Borussia Dortmund wie schon als Spieler Deutscher Meister. Er schien am Beginn einer großen Trainerlaufbahn zu stehen und erhielt beim BVB sogar einen Vertrag bis 2010. Der wurde nach einer erfolgloseren Saison 2004 allerdings genauso aufgelöst, wie ein Jahr später der mit dem VFB Stuttgart.
Drei Gedanken in einem SatzWie beim Sprechen, wo Sammer am liebsten drei Gedanken in einen Satz packt, vermittelt der gebürtige Dresdner auch in seiner Karriereplanung etwas Ruheloses. Angetrieben von sportlicher Besessenheit, großem Ehrgeiz und Perfektionsdrang scheint es immer etwas frustriert über das langsame Tempo seiner Nebenleute zu sein."Ich will konzeptionell arbeiten, eine Philosophie entwickeln und umsetzen", sagte er bei seinem Amtsantritt in München. Dass er sich dafür inmitten der bayrischen Alpha-Tiere mehr Freiräume erhofft als beim DFB, spricht Bände darüber, welche Perspektiven er für sich dort noch gesehen hat. Spätestens nach dem Flirt mit dem HSV vor einigen Monaten war klar, dass er Veränderungen sucht.Der Machtkampf geht weiter"Gier nach dem Titel muss man spüren". Das sagte Matthias Sammer im Jahr 2009, zwei Monate vor dem Gewinn der U21-Europameisterschaft. Aus heutiger Sicht klingt das wie eine Zusammenfassung der Kritik, die nach der Niederlage im EM-Halbfinale gegen Italien auf die deutsche Mannschaft und Jogi Löw niedergeprasselt ist.Genau wie dieser frühere Sammer-Satz: "Es wurde zu lange der Fehler gemacht, sympathische und angepasste Spieler hervorzubringen. Das erzeugte flache Hierarchien in den Teams. Aber vor allem unangepasste Spieler gehen extrem kompromisslos an ihre Herausforderungen heran".Bei Uli Hoeneß und seinen Bayern findet Sammer nun das Reizklima, das er beim DFB anscheinend vermisst. Wenn nicht alles täuscht, geht der Machtkampf um die richtige Philosophie im deutschen Fußball in eine neue Phase.
04.07.2012
ZITAT
„Ich will konzeptionell arbeiten, eine Philosophie entwickeln und umsetzen.”Matthias Sammer



