Mayer und Kohlschreiber im Viertelfinale
Letzte Ausfahrt Wimbledon?
von Petra PhilippsenEigentlich hatte man Florian Mayer und Philipp Kohlschreiber schon abgeschrieben, denn bei Grand Slams nutzten die beiden besten Deutschen nie ihre Chancen. Nun stehen beide unter den letzten Acht in Wimbledon, doch es erwarten sie Herkulesaufgaben.
Der eine, Philipp Kohlschreiber, feierte sich mit martialischem Gebrüll und hüpfte ausgelassen über den Platz. Der andere, Florian Mayer, war so glücklich, dass er sich rücklings auf den Rasen fallen lies und erst einmal ausgestreckt so liegen blieb. Für den einen wie den anderen war es ein großer Tag in Wimbledon, ein noch größerer in ihrer Karriere. Kohlschreiber hatte es bei einem Grand Slam noch nie bis ins Viertelfinale geschafft, und bei Mayer war es schon acht Jahre und somit eine gefühlte Ewigkeit her gewesen. Seit 1997 waren nicht mehr zwei deutsche Profis so weit bei wichtigsten Turnier der Welt gekommen."Tennis ist manchmal ein komischer Sport"Beide werden im Herbst 29 Jahre alt, und die Freude über den späten Erfolg war bei beiden daher umso überschwänglicher. "Das war ein absolut perfektes Match von mir", sagte Mayer, "das ist ein unglaubliches Gefühl, nach so langer Zeit." Sein Gegner Richard Gasquet sei der klare Favorit, das hatte Mayer vorher gesagt, und "das ist auch mal gut so." So hatte der als 29. bestplatzierte deutsche Profi im Achtelfinale nichts zu verlieren, sondern konnte nur gewinnen.
"Tennis ist manchmal ein komischer Sport", fuhr Mayer fort, "so vieles hängt vom Kopf ab. Und heute bin ich endlich mal tough gewesen." Er spielte hervorragendes Rasentennis gegen den starken Franzosen, hämmerte ihm 60 Winner und 14 Asse um die Ohren und seine ansatzlosen, beidhändigen Stoppbälle trieben den Gasquet zur Verzweiflung. Am Montag hatten sie ihre Partie begonnen, und auch bei ihrer Fortsetzung kam tags darauf wieder eine einstündige Regenpause dazwischen. Es waren widrige Umstände, wie jene, die Mayer gewöhnlich aus dem Konzept brachten. Sonst hätte er gehadert, wäre nervös geworden, wäre gescheitert. Doch nicht an diesem Tag, Mayer zweifelte nicht. Auch nicht, als Gasquet im dritten Satz plötzlich stärker wurde und zu befürchten stand, die Partie würde nun ebenso kippen, wie im letzten Herbst im Davis-Cup-Viertelfinale, als Mayer eine 2:0-Satzführung gegen ihn noch aus der Hand gab.Große Ansprüche, wenig TatenDoch Mayer hatte für sich offenbar jene Unbekümmertheit seines ersten Auftritts in Wimbledon wiederentdeckt, spielte wie befreit. "Ich habe absolut keinen Druck gespürt", sagte er und auch Kohlschreiber hatte sich vom Druck der Favoritenrolle gelöst und gegen Brian Baker eine souveräne Dreisatz-Leistung gezeigt. Der Amerikaner hatte zwar nach einer fast beispiellosen Verletzungszeit gerade nach sechs Jahren sein Comeback gefeiert, doch in Wimbledon beeindruckt. Kohlschreiber spielte konzentriert und überzeugend, und so brach er bei seiner 33. Grand-Slam-Teilnahme doch noch den Bann. "Ich bin so glücklich, ich kann das gar nicht in Worte fassen", sagte Kohlschreiber.
Von jeher hatte er diese Leistungen, die große Bühne, für sich beansprucht, doch nur zu selten hatte er den vollmundigen Ankündigungen auch etwas folgen lassen. Bei Mayer waren die Erwartungen nach seinem frühen Erfolg in Wimbledon groß gewesen, erfüllen konnte er sie lange nicht. Denn gerade bei den so wichtigen Grand Slams hatte er oft Nerven gezeigt, kam nie mehr über die dritte Runde hinaus.Zuletzt waren die French Open wieder für beide ein Ort der Enttäuschung und der verpassten Möglichkeiten gewesen. Dass sich das Blatt nun so schnell wendete, kam auch für Mayer überraschend: "Man muss das Glück auch einfach mal erzwingen." Immer waren es andere gewesen, die bei den Grand Slams über sich hinauswuchsen, den deutschen Herren war das in den letzten Jahren höchstens im Ansatz gelungen.Ob Wimbledon nun ein Befreiungsschlag gewesen ist oder schon in ein paar Wochen der positive Effekt verpufft, bleibt abzuwarten. Doch den Schwung wollen beide mit in ihre heutigen Viertelfinalpartien nehmen. Ihre Chancen gegen Novak Djokovic, den Weltranglistenersten und Titelverteidiger, und Jo-Wilfried Tsonga, die Nummer sechs der Rangliste, sind verschwindend gering. Doch die Außenseiterrolle könnte sie beide beflügeln, sie wollen ihren Auftritt auf Court No.1 des All England Clubs einfach nur genießen. "Wer weiß, was dann passiert", sagte Mayer, "im Tennis ist eben alles möglich." Die Pflicht abgehakt, die Kür kann kommen.
04.07.2012
ZITAT
„Das war ein absolut perfektes Match von mir. Das ist ein unglaubliches Gefühl, nach so langer Zeit.”Florian Mayer
Florian Mayer
Quelle: Imago
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Philipp Kohlschreiber
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