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Turnen

Hambüchen - ein Individualist unter Teamplayern

Er ist schon ein bisschen belächelt worden, als vor zwei Jahren seine Autobiografie erschien. Die Teamkollegen, Trainer und Verbandsfunktionäre tuschelten mal wieder. Denn 22 Jahre war Fabian Hambüchen da ja erst alt, und neben Geschichten vom Turnen gab es einige private Details zu lesen, von denen Hambüchen heute selber sagt, er hätte einiges besser nicht verraten.

von Maik Rosner, London

Was fehlte, war allerdings jene Geschichte, die nun erzählt werden soll. Bei den Olympischen Spielen will Hambüchen seine Karriere krönen. Auf London hat er sein Leben zuletzt komplett ausgerichtet. Fernab der Mannschaftskollegen Philipp Boy und Marcel Nguyen, mit denen Hambüchen heute im Team-Wettbewerb Bronze anstrebt, hat er abgeschieden in Wetzlar trainiert. Der Lohn soll nun folgen.

 

Erst Bronze, dann Gold

Platz drei im Teamwettbewerb wäre ein schöner Auftakt, denn mehr wird kaum möglich sein. Japan und China gelten als Favoriten. Und neben der deutschen Mannschaft kommt noch ein halbes Dutzend Teams für eine Medaille in Frage. Die hatten die Deutschen in Peking 2008 als Vierte noch verpasst, Bronze wäre nun also schon ein toller Erfolg. Für den 7. August gilt das allerdings nicht, dann strebt Hambüchen Gold an. Es soll der große Tag des 24-Jährigen werden. Als Individualist am Reck – und „mit vollem Risiko“, wie er ankündigte.

Mehrkampf-Auftakt am Samstag

Boy patzt, Hambüchen souverän

Ein Blick zurück auf den Auftakt der Turnwettkämpfe der Olympischen Sommerspiele am Samstag mit dem Team-Mehrkampf der Herren.

Ein Einzelgänger, einer, der sein eigenes Ding durchzieht, ohne Kompromisse, das ist Hambüchen immer gewesen. Gemeinsam mit seinem Vater Wolfgang hat er geschuftet in der August-Bebel-Halle in Wetzlar, tagein, tagaus. Mehr als 20 Jahre lang, seit zehn Jahren als Leistungssportler. Im Deutschen Turnerverband ist das kritisch beäugt worden, obwohl oder gerade weil Hambüchen das Aushängeschild war und ist. Seine Leistungen gaben ihm recht, doch Freunde hat er sich intern mit seinen Alleingängen nicht gemacht.

 

Tränen in Peking

2008 in Peking, als die Öffentlichkeit den Turner wieder umjubelte und von ihm Gold erwartete, weinte er über Bronze. Nun soll sich das ändern, und der Teamwettbwerb könnte die Richtung vorgeben für Hambüchen. „Wir haben ein funktionierendes Team gesehen, das an Geräten, an denen wir sonst eher Probleme haben, sehr sicher geturnt hat“, befand Bundestrainer Andreas Hirsch nach der Qualifikation. Dass man den zweimaligen WM-Zweiten Boy nach seinem Absturz vom Reck „wieder auffangen“ müsse, wie Hirsch sagte, wissen sie allerdings auch.

Auf Hambüchen werden sie dabei allerdings kaum setzen. Denn Hambüchen und Boy pflegen kein harmonisches Verhältnis. Der teaminterne Konkurrent Boy hat nicht allein so seine Schwierigkeiten mit Hambüchen. Es gibt nur wenige im Deutschen Turnerbund, die ihm und seinem Vater uneingeschränkt gewogen sind. Dass Hambüchens Papa und zugleich Trainer keine Akkreditierung für die Spiele in London bekam, hat für viel Aufregung gesorgt. Hambüchen bezeichnete das als „Frechheit“.

 

Die Alleingänge der Hambüchens

ZITAT
Man muss den richtigen Zeitpunkt zum Absprung finden. Zum Affen machen werde ich mich nicht
Fabian Hambüchen
Es zeigte sich wieder einmal, von welchen Irritationen das Verhältnis der Hambüchens zum Verband geprägt ist. Verkracht hatte sich Hambüchen auch mit seinen Teamkollegen in der Vergangenheit. Lehrgänge ließ er sausen, weil sie nicht in seinen Trainingsplan passten. Sein Vater scheute keine Konfrontation. Der Junior sieht die Alleingänge als richtig an. „Turnen ist nun mal kein Fußball. Die besten Teamplayer sind die, die sich individuell am besten vorbereiten“, sagt Hambüchen.

Zumindest in eigener Sache scheint ihm das gelungen zu sein, trotz eines Risses der Achillessehne im Januar 2011. Er ist noch ein bisschen kräftiger geworden. Und zuletzt, bei den Deutschen Meisterschaften im Juni, gewann er den Titel im Mehrkampf. Auch in London hat Hambüchen bisher gezeigt, dass er topfit in die Wettkämpfe geht, als Zugpferd des Teams und kommende Woche als Goldkandidat am Reck.

 

„Zum Affen machen werde ich mich nicht“

 Seine Form kommt zur rechten Zeit. Denn nach Olympia wird der Individualist der deutschen Turner aus Wetzlar wegziehen, weg auch von seinem Vater und Trainer. Sport will Hambüchen dann in Köln studieren, mit seiner Freundin Caroline zusammenziehen und sein Leben nicht mehr allein aufs Turnen ausrichten. „Man muss den richtigen Zeitpunkt zum Absprung finden. Zum Affen machen werde ich mich nicht“, hat Hambüchen jüngst dem „Zeit-Magazin“ gesagt. In London will er seinen eigenen Weg davor noch bis zum krönenden Erfolg gehen.

30.07.2012
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