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37 Grad  |  03.07.2012 

Mein verrücktes Leben

Von starken Kindern und kranken Müttern

Was geschieht mit einem Kind, wenn seine Mutter plötzlich ganz anders wird, stundenlang auf der Couch liegt oder unter panischen Ängsten leidet? Wie verarbeitet es ein Kind, wenn sich ein Elternteil das Leben nehmen will? Wie groß ist die Gefahr, dass ein Kind in solch schwierigen Situationen zu viel Verantwortung übernimmt und durch die ständige Überforderung selbst krank wird? Von der Belastung von Kindern psychisch kranker Mütter, aber auch von den Möglichkeiten, ihnen zu helfen und sie zu stärken, erzählt diese 37 Grad-Dokumentation. 

Abrufvideo: Mein verrücktes Leben

37 Grad erzählt von zwei Familien, in denen die Mütter von Depressionen betroffen sind. Wie geht es den Kindern und wie sieht ein Familienleben in dieser belastenden Situation aus?

(03.07.2012)
Frederike legt Wäsche / Quelle: ZDF

Protagonisten: Mein verrücktes Leben

Die Geschwister Frederike (14), Niklas (13) und Moritz (10) und Einzelkind Lara (13) leben in einer familiären Ausnahmesituation: Ihre Mütter sind psychisch erkrankt, leiden unter schweren Depressionen.

(20.06.2012)

Kinder psychisch kranker Eltern

Im Interview erklärt Expertin Dr. Silvia Krumm, wie man Kinder von psychisch erkrankten Eltern unterstützen kann. Die Soziologin arbeitet an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Ulm am Bezirkskrankenhaus Günzburg.

(20.06.2012)

Von den Autorinnen Caroline Haertel und Mirjana Momirovic

Im Jahr 2020 wird die Depression die zweithäufigste Erkrankung weltweit sein, nur noch übertroffen von den Herz-Kreislauf-Krankheiten. Jeder vierte Mensch erlebt im Laufe seines Lebens einmal eine schwere psychische Krise. Fast drei Millionen Kinder, also jedes dreißigste, lebt derzeit bei uns in Deutschland mit einem psychisch kranken Elternteil zusammen.

Familien, die aus ihrem Alltag erzählen:

Wenn sich die Tochter als "Ersatzmutter" fühlt

Frederike (li.) mit Brüdern und Eltern / Quelle: ZDF

Frederike war neun Jahre alt, als ihre Mutter an Depression erkrankte. Für das merkwürdige, abweisende Benehmen ihrer Mutter machte sich das Mädchen zunächst selbst verantwortlich. Die Schuldgefühle und die selbstauferlegte Verantwortung für die beiden jüngeren Brüder Moritz (10) und Niklas (13) und die kranke Mutter bedrückten sie so sehr, dass sie die Schule vernachlässigte und sich immer mehr in sich zurückzog. Durch eine Gesprächstherapie hat die inzwischen 14-jährige Frederike gelernt, mit der Krankheit der Mutter besser umzugehen. Nur ihre Neigung, die Verantwortung für alles und jeden zu übernehmen, hat sie noch nicht ganz ablegen können...

Depression ist Teil des Familienlebens

Lara mit ihren Eltern / Quelle: ZDF

Laras Mutter litt schon unter ihrer Depression, als Lara zur Welt kam. Die ersten Jahre bemerkte Lara nichts von der Krankheit, aber als die Mutter immer öfter für Wochen ins Krankenhaus musste, wurden ihre Depressionen auch Teil von Laras Alltag. Die Tochter bemühte sich, für ihre Mutter da zu sein, sie aus ihrer Antriebslosigkeit zu reißen, sie bei ihrer Traurigkeit zu trösten. Jetzt, wo Lara 13 und in der Pubertät ist, fühlt Lara sich hin und her gerissen zwischen den eigenen Bedürfnissen und den Verpflichtungen gegenüber der Mutter. Manchmal ist Lara einfach wütend darüber, dass sich immer alles nur um ihre Mutter und deren Befindlichkeit dreht. Erst in der letzten Zeit hat Laras Vater erkannt, wie unglücklich seine Tochter ist, und sich überlegt, wie er sie mehr unterstützen könnte...

Trotz dieser Zahlen ist das Thema noch immer ein gesellschaftliches Tabu. Vielleicht ist das so, weil es schwierig ist, diese "unsichtbare" Erkrankung, die Antriebslosigkeit und die grundlose Traurigkeit, zu verstehen. Wie oft haben wir uns - trotz aller Aufklärung - bei dem Gedanken ertappt: "Es kann doch nicht so schwer sein, aufzustehen und sich mal die Haare zu kämmen oder einen Tee zu kochen." Doch das ist es. Mit dem Thema beschäftigen wir uns bereits seit einigen Jahren. Wir hefteten unseren Rechercheblick stets auf die Krankheit und die Erkrankten, bis uns eine befreundete Kinderärztin vorschlug, den Blick vielleicht auch mal auf die Familienmitglieder der Erkrankten, also Ehepartner und Kinder, zu richten.

Offener Umgang hilft

Die Kinderärztin berichtete von ihren kleinen Patienten, die mit Migräneattacken, Koliken, Angstzuständen, und einige sogar mit Psychosen bei ihr vorstellig wurden, während ihre Mütter zwei Stockwerke höher in der Psychiatrie behandelt wurden. Kinder, die unter der Verantwortung, die sie für die kranken Mütter, manchmal auch für die ganze Familie übernommen hatten, selbst erkrankten. Die Ärztin erzählte uns, dass viele der Kinder unter dem Druck der Geheimhaltung der Krankheit leiden und damit unter der Last, sich niemanden anvertrauen zu dürfen.

Viele dieser Kinder ertragen diesen Druck nicht und erkranken selbst psychisch. Sich Hilfe für die Kinder zu suchen ist jedoch nicht immer einfach: Laras Vater hat zum Beispiel persönlich erfahren müssen, dass es immer noch Psychiatrische Kliniken gibt, die sich nur um die Erkrankten kümmern und dabei die mitbetroffenen Familienmitglieder vollkommen außer Acht lassen. Dabei zeigen die Kliniken, die in die Therapie der Patienten auch die Familienmitglieder einbeziehen, große Erfolge, von denen alle profitieren. Während der Recherche haben wir von Ärzten und Betroffenen gelernt, dass einige Kinder sogar gestärkt aus dieser schwierigen Situation gehen können - wenn sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen und in der Familie offen mit der Krankheit umgegangen wird. Für alle, die Hilfe suchen, können wir die Website der Bundesarbeitsgemeinschaft "Kinder psychisch erkrankter Eltern" empfehlen. Dort gibt es zahlreiche Informationen zum Thema allgemein sowie eine Auflistung von Einrichtungen und Projekten nach Städten gelistet.

Das Beste aus der Situation machen

Auf dieses Thema, das uns zutiefst bewegte, wollten wir unbedingt aufmerksam machen. Doch die Recherche erwies sich, wie erwartet, als extrem schwierig. Trotz der großen Unterstützung durch Kliniken und Institutionen, die sich um die Kinder psychisch kranker Eltern kümmern, haben sich nur sehr wenige Familien bereit erklärt, vor der Kamera über ihr Leben zu erzählen. Umso glücklicher waren wir, als wir Frederike, Niklas, Moritz, Lara und ihre Eltern kennen lernen durften. Zwei starke Familien, die uns ihr Herz geöffnet und gezeigt haben, dass das Leben mit Depressionen manchmal schwer und belastend sein kann - jedoch kein Grund zum Verzweifeln ist.

Voller Bewunderung haben wir beobachtet, wie Christoph und Rolf sich aufopferungsvoll um ihre Kinder kümmern. Sie sorgen dafür, dass die Kinder und ihre Bedürfnisse trotz der Krankheit der Mütter nicht zu kurz kommen. Es ist wirklich einmalig, was diese beiden Väter leisten und wie gut es ihren Kinder tut, dass sie wenigstens ein starkes und verlässliches Elternteil haben. Auch Claudia und Ulrike beeindruckten uns sehr, wie sie trotz ihrer sehr schweren Erkrankung den Dreharbeiten - die sich ihre Kinder gewünscht haben - zugestimmt und auch mitgemacht haben. Wir danken ihnen sehr dafür, dass sie so offen über ihre Krankheit erzählt haben und wir so auch ihre Sicht auf ihr Familienleben und die Schwierigkeiten mit der Krankheit im Film darstellen konnten.

Großer Dank an die Kinder

Lara, Frederike, Niklas und Moritz haben uns gezeigt, wie stark Kinder sein können, wenn man ihnen die richtige Unterstützung gibt. Die beiden Familien haben für ihre Kinder rechtzeitig professionelle Hilfe in Anspruch genommen und achten stets darauf, dass die Krankheit der Mutter sie nicht zu sehr belastet und sie sich immer  gut aufgehoben fühlen. Sie sind das beste Beispiel dafür, wie gut man mit so einer belastenden Situation umgehen kann. Wir danken ihnen, dass sie dadurch vielleicht auch vielen anderen Betroffenen Mut gemacht haben, und wünschen ihnen viel Kraft für ihren weiteren Weg.

03.07.2012

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Experteninterview zum Thema

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Lesestoff für Kinder - von Uschi Hansen

Annikas andere Welt

Buchcover: Annikas andere Welt / Quelle: edition riedenburg

von Sigrun Eder, Petra Rebhandl, Evi Gasser
Hilfe für Kinder psychisch kranker Eltern
Edition Riedenburg (2011)

Dieses Buch ist Ratgeber und Kinderbuch zugleich: Es erzählt die Geschichte von Annika, deren Mutter manchmal wie ausgewechselt ist. Das Mädchen versteht nicht, warum, leidet aber enorm unter der Situation. Anhand dieses Beispiels nähert sich das Buch dem Thema psychisch erkrankter Elternteile an - und hilft so Kindern ab sechs Jahren, die in ähnlichen Situationen sind, zu verstehen, was psychische Erkrankungen sind. Kindgerecht und klar in der Sprache klärt es auf und regt zum Gespräch an. Mit Arbeitsblättern zur Selbstreflexion, ausführlichen Sachinformationen für Erwachsene und Glossar.

Warum ist Mama so traurig?

Buchcover: Warum ist Mama so traurig? / Quelle: Mabuse

von Susanne Wunderer
Ein Vorlesebuch für Kinder mit einem psychisch erkrankten Elternteil
Mabuse Verlag (2010)

Dieses Bilderbuch ist für die ganz Kleinen (zwei bis fünf Jahre) geschrieben: Die Autorin erzählt mit einfachen Worten und ansprechenden Bildern die Geschichte vom kleinen Schaf Lilli, dessen Mutter plötzlich nicht mehr lachen kann. Lillis Freund Paul merkt Lillis Not und weiht seine Oma ein. Pauls Oma kennt sich mit Depressionen aus, trägt dazu bei, dass sich Lillis Mama Hilfe sucht und alle wieder glücklich werden. Zwar gibt es im wahren Leben wohl kaum so ein Happy-End, doch das Buch ist ein guter Gesprächseinstieg für Kinder. Außerdem vermittelt es, dass sich Dinge zum Besseren wenden können. Mit kurzem Ratgeberteil für Erwachsene, der die wichtigsten Begriffe aufgreift.

Sonnige Traurigtage

Buchcover: Sonnige Traurigtage / Quelle: Mabuse

von Schirin Homeier
Ein Kinderfachbuch für Kinder psychisch kranker Eltern
Mabuse Verlag (2006)
Dieses Buch richtet sich an Kinder im Schulalter und hält zugleich Informationen für Erwachsene bereit. Erzählt wird die Geschichte von Mona, die „Sonnigtage“, aber auch „Traurigtage“ mit ihrer alleinerziehenden, depressiven Mutter erlebt und sich ziemlich alleine mit ihren Problemen fühlt. Im Laufe des Buches befreit sich das Mädchen aus seiner Isolation und lernt mit der Erkrankung der Mutter besser umzugehen. Im zweiten Teil des Buches werden offene Fragen kindgerecht erklärt. Mit ausführlichem Ratgeberteil für Eltern oder andere Bezugspersonen.

Mamas Monster

Buchcover: Mamas Monster / Quelle: Balance

von Erdmute von Mosch
Was ist nur mit Mama los?
Balance Buch + Medien (2011)

In diesem schön bebilderten Vorlesebuch wird von der kleinen Rike, ihrer Mama und deren "Depressions-Monster" erzählt. Dieses Buch erleichtert es Erwachsenen, mit drei bis sechsjährigen Kindern ins Gespräch zu kommen und mit ihnen altersgerecht über die Erkrankung zu sprechen. Die Autorin, selbst Tochter einer depressiv erkrankten Mutter, möchte den Kindern ihre Schuldgefühle nehmen und aufzeigen, dass Depressionen mit Hilfe von Therapien behandelt werden können. Denn kleine Kinder suchen zumeist die Schuld bei sich selbst, wenn ihre Eltern sich anders verhalten. 

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