Abrufvideo: Leben im Schleudergang
Vorschau: Leben im Schleudergang
Freddys Waschsalon ist einer der wenigen Orte, wo die unterschiedlichsten Menschen aus den verschiedensten Milieus zusammentreffen. Das liegt daran, dass Freddy für jeden etwas bietet, für die eiligen Leute aus dem Regierungsviertel um die Ecke wie für die aus den ärmeren Blocks Richtung Berlin-Moabit. Alle haben ihren Platz im Waschsalon, der seinem Namen alle Ehre macht, weil er wie ein Salon eingerichtet ist, mit Wohnzimmertapete an den Wänden, klassischer Musik und Brettspielen. Während die Wäsche schleudert, werden Bewerbungen geschrieben, wird Kaffee getrunken, es gibt Gespräche mit Touristen aus aller Herren Länder. Gute Laune neben sorgenvollen Gesichtern: Freddy - der auch als Schauspieler arbeitet - hat Kunden, die können sich die 80 Cent für den Trockner nicht leisten. "37 Grad" begleitet Freddy, der Oma'chen und einige andere Lebenskünstler bei ihrem Versuch, den Konflikt zwischen der Sehnsucht nach Menschlichkeit und den finanziellen Zwängen der modernen Welt zu meistern.
Drehbericht der Autorin Sibylle Trost:
Ein Waschsalon ist ein Waschsalon ist ein Waschsalon. Aber was ist eigentlich ein Waschsalon? Und: welche Menschen haben keine eigene Waschmaschine? Dieses Attribut des Wirtschaftsaufschwungs, das in den Werbespots der fünfziger, sechziger Jahre zum Statussymbol von Familie, Heim und geordneten Verhältnissen hoch stilisiert wurde: Wie steht es heute da? Als ich zum ersten Mal "Freddy Leck sein Waschsalon" betrat und einige Stunden dort verbrachte, mit einem schönen Milchkaffee an der verkehrslauten Gotzkowskystraße in Berlin-Moabit saß, fühlte ich sofort: dieses Waschsalon ist das Wohnzimmer der modernen Großstadt. Ein Ort, in dem sich die gehetzten Passanten hinein begeben, um irgendwie Nachhause zu kommen: aus dem brutalen Lebenskampf in einen Kosmos der Menschlichkeit.Die Protagonisten:
"Oma’chen" oder Renate W.
Renate wird im Waschsalon einfach das "Oma'chen" gerufen. Diesen Spitzname hat sie, seit dem Freddy vor viereinhalb Jahren den Salon eröffnete. "Meine Wohnung ist zu klein, ich kann gar keine Waschmaschine stellen", sagt sie. Renate W. hat auch deshalb keinen Platz, weil ihre Wohnung als Lager dient. Sie lebt für andere, verteilt Kleidungsstücke an Obdachlose, bäckt jährlich circa 100 Torten für Kranke und Hilfsbedürftige. Sich selbst gönnt sie wenig – und zum Waschen kommt sie zu Freddy.
Natascha S. und ihre Tochter Sophie
Natascha S. und ihre zwölfjährige Tochter Sophie wohnen um die Ecke und sind Waschsalon-Chef Freddy ans Herz gewachsen. Da sie von Hartz IV. leben, bringen sie aus Kostengründen ihr Waschpulver selber mit. Ihre Waschmaschine ist kaputt, die Reparatur zu teuer. Freddy gibt schon mal einen Trocknergang aus, doch das Geld reicht hinten und vorne nicht. Doch Tochter Sophie hat große Pläne: "Ich will eine Ausbildung zu Housekeeping machen, mich dann steigern und Chefin oder Direktorin werden!"
Hochschullehrer Sammy Z.
Sammy Z. ist Professor für Betriebswirtschaft und Stammkunde im Waschsalon. Zwar hätte er zu Hause genug Platz für eine Waschmaschine, doch er kommt lieber zu Freddy, denn er weiß, wo seine eigenen Stärken und Schwächen liegen. Sammy Z. nimmt das Serviceplaket "deluxe": Abgeben, Abholen, die Arbeit machen andere, er sagt selbst: "Ich bin ein Freund der Arbeitsteilung. Waschen und Kochen - das kann ich nicht!"
Hostel-Bewohner Olli
"Ich bin sehr wohl behütet aufgewachsen und wollte aus dem Ganzen ausbrechen!", sagt Olli, der vor sechs Wochen aus dem Rheinland mit nur einem Koffer nach Berlin kam. Er lebt von 187 Euro Kindergeld im Monat, mehr hat er nicht. Olli wohnt derzeit im Sechs-Bett-Zimmer im Hostell für 15 Euro die Nacht, die er als Hauswart wieder abarbeiten kann - und ist ansonsten damit beschäftigt, zu überlegen, wie er über die Runden kommt.
Freddy - der Waschsalon-Chef
Freddy Leck ist übrigens der Künstlername, unter dem der Schauspieler Dirk Mertens seinen Waschsalon betreibt, von dem er sagt, er sei sein "Universum". Freddy freut sich darüber, dass so viele verschiedene Menschen zu ihm kommen: "Wir haben vom Vorstandsvorsitzenden einer Krankenhausverwaltung bis zum Professor bis zum Politiker, zum Studenten, Hartz IV. Empfänger, Nicht-Hartz IV. Empfänger, Hübsche, Hässliche, Dumme, sehr Intelligente, Glückliche, Unglückliche, Träumer, Leute, die gar keine Träume mehr haben: die sind alle hier."
Was verbindet diese Menschen?
Oder verbindet die Menschen, die waschen gehen, vielleicht doch noch etwas anderes? Das befreiende Gefühl des Provisorischen? Meine erste Waschmaschine habe ich mit Ende Zwanzig angeschafft oder sogar erst mit Dreißig? In meiner Wohnung stand ab diesem Zeitpunkt ein weißer Klotz: ein schweres, sperriges Gerät. Es kostet einen Batzen Geld auf einmal, hindert am Umziehen, beschwert und macht irgendwie "sesshaft". Außerdem vermittelt es das Gefühl, "angekommen zu sein", das Mann/Frau vielleicht gar nicht hat oder gar nicht haben möchte?Die Dreharbeiten im Waschsalon waren zunächst eine große Herausforderung. Wir einigten uns darauf, keine einzige Lampe zu stellen und zu jeder Zeit mit dem Licht auszukommen, was da war. Dazu brauchten wir eine lichtstarke Kamera. Auch gute Tonausrüstung, damit jenseits des Trocknersounds und der Schleudergeräusche etwas zu verstehen war. Und natürlich ein Team aus Mitarbeitern, die sich zur rechten Zeit in Luft auflösen konnten. Besonders am Sonntag hielten sich so viele Menschen im Waschsalon auf, kamen mit ihren Koffern, Beuteln und Taschen, dass ein Drei-Personen-Drehteam leicht im Weg herum stehen konnte. Die nächste Herausforderung: Den Arbeitsablauf nicht stören, das war bei ein paar hundert Kilo Wäsche täglich nicht einfach. Dieses Versprechen gaben wir frohen Mutes, konnten es aber nicht ganz einhalten, da bin ich sicher. Und sage allen Menschen in "Freddy Leck sein Waschsalon" an dieser Stelle noch einmal: DANKE. DANKE. DANKE.

