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37 Grad  |  Sendung vom 05.08.2012 [Archiv]

Ist mein Kind noch normal?

Familien im Therapiestress

Der zwölfjährige Seraphim hat viele Therapien hinter sich: Im Kindergarten fiel er auf, weil er lieber für sich alleine spielte, in der Grundschule erklärte man sein verträumtes Wesen für krank. Die Eltern hielten ihr Kind für normal, aber konnten dem Druck von außen nicht stand halten. Es begann ein Ärzte-Marathon, bei dem jeder etwas anderes diagnostizierte. 

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Wie ist es für Eltern, wenn sie die Entwicklung ihrer Kinder Fachleuten überlassen sollen und welchen Preis zahlen die Kinder für den Erfolg?

(11.07.2011)

Der 13-jährige William führt gern Selbstgespräche. "Ich kann dann alles besser verarbeiten", sagt er. Aber seine Umwelt stört sich daran. Schon im Kindergarten mischten sich Erzieherinnen ein und schlugen diverse Therapien vor. Es folgte eine Odyssee von Arztbesuchen: Ein Therapeut stellte die Diagnose emotionale Angststörung, ein anderer tippte auf ADS oder das Asperger Syndrom.

William in seinem Zimmer (Quelle: ZDF)

Nach der Grundschule kommt William auf die Förderstufe der Haupt- und Realschule. Hier hat er Schwierigkeiten mit seinen unmotivierten Klassenkameraden. "Wollen sie denn nichts wissen? Ich bin doch in der Schule, um zu lernen!" Erst ein Intelligenztest zeigt, wie begabt William eigentlich ist und dass er grundsätzlich falsch eingeschätzt wurde. Nun darf er aufs staatliche Gymnasium Butzbachgehen. Hier fühlt William sich wohl und findet Freunde, die ähnliche Interessen haben.

Williams zehnjährige Schwester Anna leidet unter einer Leserechtschreibschwäche. "Ich hab immer gedacht, ich wäre dumm, weil ich nicht so gut lesen und schreiben kann wie die anderen, aber jetzt weiß ich, dass ich LRS habe." Sie geht einmal in der Woche zu einer Lerntherapeutin. Ihre Eltern sind froh, dass ihrer Tochter endlich geholfen wird. Aber sie kritisieren auch die Schule: "Früher war es Aufgabe der Lehrer, Kindern bei Schwächen zu helfen. Heute müssen wir die Förderung bei Therapeuten suchen und selbst bezahlen, damit unsere Kinder mithalten können!"

Sind unsere Kinder alle krank?

Laut Statistik wächst an den Schulen eine Generation von Kranken und Verhaltensauffälligen heran. Fast die Hälfte aller Schulkinder hat schon einmal heiltherapeutische Hilfe bekommen. 18 Prozent der Jungen und zwölf Prozent der Mädchen gelten als verhaltensauffällig. ADHS wird bei mehr als zehn Prozent eines Jahrgangs diagnostiziert. Sind unsere Kinder wirklich krank? Oder gilt nur das genormte Kind als gesund?

Medikamente sollten es richten

Als der heute achtjährige Luca eingeschult wurde, hatte er Schwierigkeiten, sich zu integrieren. Er störte den Unterricht, verhielt sich wie ein Klassenclown, um die Anerkennung der anderen Kinder zu gewinnen. Ein Psychologe vermutete, dass das Kind hyperaktiv sei und wollte ihm auf der Stelle Ritalin verschreiben. Ein anderer Experte testete Luca, erhielt aber keinen eindeutigen Befund, der auf ADHS hindeutete.

Lucas Mutter lehnte jede Hilfe ab. "Mein Kind ist voller Power. In Italien würde er gar nicht auffallen, weil dort alle so temperamentvoll sind!" Das Kind wechselte an eine kleine Grundschule. Hier zeigte Luca keine Verhaltensauffälligkeiten. Weil das Schulhaus aufgrund von Sparmaßnahmen plötzlich geschlossen werden musste, kam Luca in eine dritte Grundschule. Hier verweigerte er sich komplett. Die Lehrer konnten damit nicht umgehen und verfügten über einen Wechsel in die Sonderschule. Der kleine Luca hat sich damit abgefunden: "Ich bin nicht normal und gehe allen auf die Nerven!" Erst in der vierten Schule, dem CJD - Die Chancengeber, einem privaten Gymnasium mit Förderschule für Kinder mit sozialen Problemen, wendet sich das Blatt. Hier darf Luca so sein, wie er ist und zeigt schnell Lernerfolge.

Verträumt - aber doch nicht depressiv

Seraphim (12) hat viele Therapien hinter sich, weil er anders ist als die anderen Kinder: Im Kindergarten spielte er lieber allein, in der Grundschule träumte er oft. Die Eltern hielten ihr Kind für normal, aber konnten dem Druck von außen nicht stand halten. Sie suchten bei Psychologen nach Erklärungen. Jeder diagnostizierte etwas Anderes. Ein Therapeut behauptete sogar, der Junge leide an Depressionen. Seraphim wunderte sich. "Ich lese gerne Bücher, statt mit anderen Jungen Fußball zu spielen. Aber Depressionen habe ich nicht. Dazu habe ich viel zu viel Spaß am Leben."

Seraphim steht weiter unter Beobachtung. Es fällt die Vermutung, dass er an ADS leide, der verträumten Variante von Hyperaktivität. In einer Klinik muss er sich verschiedenen Tests unterziehen. "Ich halte mich für einen ganz normalen Jungen und hoffe, dass ich es hier endlich schriftlich bekomme, normal zu sein!" Er hat kein ADS, sondern nur eine reduzierte Konzentrationsfähigkeit. Für die Mutter ist es nicht leicht, ohne klare Diagnose zu gehen. "Unsere Gesellschaft braucht Schlagwörter. Mit ADS wären alle zufrieden gewesen, aber eine reduzierte Konzentrationsfähigkeit - das ist den Leuten zu kompliziert!" Erst seitdem Seraphim eine Privatschule, das Jenaplan-Gymnasium besucht, fühlt er sich endlich anerkannt und respektiert. Hier steht sein Verhalten nicht mehr auf dem Prüfstand.

Therapiestress ohne Ende

Der "37 Grad"-Film handelt von drei Familien mit Kindern, die auffallen, weil sie nicht der Norm entsprechen. Eine Odyssee von Diagnosen und Therapien beginnt. Wir beobachten den Alltag der Kinder in Therapie, Familie und Schule. Die Dokumentation geht der Frage nach, wie sich die Eltern sehen, wenn sie die Entwicklung ihrer Kinder Fachleuten überlassen, und welchen Preis die Kinder für den Erfolg bezahlen.

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05.08.2012

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