Sie müssen ein neues Verhalten lernen
Täter und Opfer zugleich
Auch Kinder haben sexuelle Gefühle. Sie lernen ihren eigenen Körper kennen, entdecken ihre Sexualität, sind neugierig, spielerisch und unbefangen. Im Normalfall. Sie müssen auch die richtige Sprache und Worte dazu erst finden. Viele Eltern tun sich immer noch schwer damit, ihren Kindern gegenüber unbefangen über Sexualität zu sprechen.Dass auch schon Kinder, Jungen wie Mädchen, sexuell auffälliges Verhalten zeigen, verunsichert. Die Kriminalstatistik von 2010 zeigt, dass von 35 674 angezeigten Sexualstraftaten im Jahr 2009 78 Prozent von Erwachsenen verübt wurden, elf Prozent von Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren, sieben Prozent von Heranwachsenden zwischen 18 und 21 Jahren und vier Prozent tatsächlich von Kindern unter 14 Jahren. Da dies aber nur die angezeigten Fälle betrifft und Kinder ganz selten tatsächlich angezeigt werden, schätzen Experten die Dunkelziffer weit höher.
Anzeichen für Grenzverletzungen
Ein Tabuthema dabei: Dass nicht nur minderjährige Jungen, sondern auch Mädchen sich an Schwächeren vergreifen. Dass schon Achtjährige bei anderen Kindern die Grenzen überschreiten, so dass man von schwerem sexuellen Missbrauch sprechen muss. Das fängt an mit verbalen sexuellen Belästigungen und geht über in Gewalt. Aber ist es noch normales kindliches Verhalten oder Anzeichen einer Störung, wenn eine Fünfjährige ein anderes Kind dazu zwingt, sich auszuziehen, es anzufassen? Im Kindergarten, in der Grundschule wissen Eltern, Erzieher und Lehrer häufig nicht, wie sie mit solchen Grenzüberschreitungen umgehen sollen. Einige Anzeichen für die Unterscheidung vom normalen kindlichen sexuellen Verhalten hin zu sexuellen Übergriffen sind etwa:Anzeichen für Grenzverletzungen
- Wenn das übergriffige Kind ein anderes Kind durch Gewalt oder Drohungen zu sexuellen Handlungen zwingt
- Wenn ein Kind durch die Ausübung sexueller Kontakte ein Machtbedürfnis befriedigt
- Wenn ein großer Altersunterschied zwischen den Täter und Opfer besteht, wenn also eine Achtjährige sich an einem Dreijährigen vergreift
- Wenn das Missbrauchsverhalten immer wieder wiederholt wird, wie zu einer Sucht wird.
Täterarbeit ist Opferschutz
Sechs Mädchen zwischen 11 und 15 Jahren leben hier, werden rund um die Uhr von Pädagogen kontrolliert. Alle Mädchen haben andere Kinder, kleinere und schwächere, gegen deren Willen sexuell missbraucht, von der Penetration bis zum Geschlechtsverkehr. Die 15-jährige Lilly etwa (Name geändert) verging sich schon als Achtjährige an anderen Kindern immer wieder sexuell. Ihre Mutter war gewalttätig, ihr Vater hat sie sexuell missbraucht. Sie selbst, sagt sie, verspürte Druck, Wut und Ärger, den sie so loswerden konnte.Die Mädchen in der Intensivgruppe brächten neben dem sexuell übergriffigen Verhalten so viele zusätzliche Störungen mit, sagt die Psychotherapeutin Birgit Ogieniewski, sie hätten so viele traumatische Erfahrungen gemacht, dass die Entscheidung, sexuell übergriffig zu werden eine Entscheidung dafür war, selbst nicht mehr hilflos zu sein. Frühzeitige Erkennung und therapeutische Behandlung sind dabei aber sehr wichtig, so Ogieniewski. Denn für die Experten gibt es zahlreiche Hinweise darauf, dass gerade erwachsene Sexualstraftäter auch schon in ihrer Kindheit und Jugend sexuell übergriffig waren. Und so verstehen die Therapeuten der Einrichtung ihre Arbeit mit den sexuell übergriffigen Kindern vor allem auch als präventiven Operschutz: Es sollen keine neuen Opfer entstehen. Wenn die Mädchen in der Gruppe aufgenommen werden, sind sie jünger als 14 Jahre und nicht strafmündig, aber sie zeigen ein eindeutiges Täterverhalten. In der Intensivgruppe müssen sie sich völlig neu orientieren. Ihre Tage sind klar strukturiert und fordern Disziplin. Sie sollen lernen, eigene Verantwortung zu übernehmen, sie müssen sich mit dem eigenen Verhalten und ihrer eigenen Lebensgeschichte auseinandersetzen.Jedes Mädchen übernimmt Aufgaben im Haushalt und muss lernen, Absprachen und Regeln einzuhalten. Die sozialtherapeutische Einrichtung hat auch eine eigene Schule. Auch Pferde gehören zum therapeutischen Konzept. Neben dem Unterrichtsstoff lernen die Kinder reiten und voltigieren. Die Intensivgruppe hat ein Sicherheitskonzept in fünf Stufen. In der Anfangsstufe 0 müssen die Kinder immer in Hör- und Sichtweite eines Pädagogen bleiben, das fällt einigen sehr schwer. In Stufe 3 dürfen die Mädchen das Haus auch schon alleine verlassen. Über ein ausgeklügeltes Punktesystem können sie in den Stufen aufsteigen. Dies alles dient dazu, dass die Mädchen im Verlauf der Therapie neue, eigene Erfolgserlebnisse haben. Das ist für sie besonders wichtig, damit sie lernen können, mit ihrer Wut und Trauer anders umzugehen. Sie sollen erkennen, was sexuelle Gewalt ist und lernen, die Grenzen nicht mehr zu überschreiten. So haben sie dann eine Chance, nicht mehr in alte Verhaltsweisen zurückzufallen. Und vielleicht doch einmal ein normales Leben führen zu können.Kontakt:Evangelisches JohanneswerkHeilpädagogisch / therapeutische Einrichtungen Grünau-Heidequell
Mittelstraße 45
32108 Bad Salzuflen


