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19.07.2012 

Das Geld liegt auf der Straße

Von Pfandflaschen leben

Für andere ist es Müll, für sie ist dieser Müll bare Münze: Leergutflaschen werden von Menschen gesammelt, die am Existenzminimum leben. Meist gut gekleidet, gehen sie so unauffällig wie möglich dieser Beschäftigung nach. Denn die Scham ist groß. Städte und Bahnhöfe werden schon in Reviere eingeteilt - immer mehr Menschen sind auf die Extra-Cents angewiesen.  

Eine Falschensammlerin auf der Reeperbahn / Quelle: dpa

Das Geld liegt auf der Straße

Ältere Menschen versuchen sich mit dem Flaschensammeln ihre Rente aufzubessern

(18.07.2012 Quelle: dpa)

von Uschi Hansen

"Es ekelt mich genauso an wie jeden anderen Menschen auch", sagt Inge. Sie ist 58 und war früher Goldschmiedin. "Betteln wollte ich nicht, da ist Flaschensammeln ehrenvoller", erklärt der 34-jährige Dietmar, der 15 Jahre im Schlachthof im Akkord gearbeitet hat.

Die Jagd auf das Pfand

"Das ist bares Geld, das auf der Straße liegt", meint Michael. Der 54-Jährige wurde nach 25 Jahren im Wasserwerk entlassen, stand plötzlich vor dem Nichts. "Man schämt sich einfach." So bringt Kerstin, 43, auf den Punkt, was wohl alle Flaschensammler zunächst empfinden.
Sie schauen verstohlen in die Abfallkörbe der U-Bahnstationen, greifen möglichst unauffällig nach einer leeren Bierflasche, die neben einer Bank steht. Sie bücken sich beiläufig nach einer Cola-Flasche aus Plastik, die im Gebüsch liegt, und stecken routiniert zwei leere Getränkedosen in ihre klappernde Plastiktüte.

Jeder hat solche Szenen schon beobachtet, jedem fällt auf, dass es in letzter Zeit immer mehr Menschen gibt, die leeres Pfandgut sammeln. Und jeder hat sich schon einmal gefragt, wer denn diese meist gut gekleideten und "ganz normal" aussehenden Menschen eigentlich sind, die - ausgestattet mit Tüte oder Trolley - das suchen, was andere Leute wegwerfen.

Armut kann jeden treffen

Es sind eben nicht nur die Obdachlosen, die Pfand zu Geld machen, sondern Menschen mit den unterschiedlichsten Biografien, die oft früher mal in geregelten Berufsverhältnissen lebten und jetzt ihr mageres Einkommen aufbessern müssen. Für Flaschen und Dosen gibt es acht, 15 oder 25 Cent - in der Summe ist das viel Geld für Senioren, denen die Rente nicht reicht, Arbeitslose, die nicht über die Runden kommen und auch Kinder, die wenig oder gar kein Taschengeld bekommen.

In dem Beitrag werden vier sehr unterschiedliche Menschen vorgestellt, die trotz aller Scham einen Einblick in ihr Leben als Flaschensammler gewähren. Sie berichten auch offen darüber, wie sie zu Flaschensammlern wurden, und vermitteln so ein eindrucksvolles Bild von dem, was gerade in der Mitte unserer Gesellschaft passiert.

19.07.2012

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