Erinnerungen an den 11. September
"Der 11. September 2001 hat die Welt verändert!" Zum 11. Jahrestag von 9/11 wird dieser Satz wieder häufig bemüht, aber selten wirklich hinterfragt. Die Dokumentation macht auf eindrucksvolle Art deutlich: Der Terror-Anschlag hat das Leben Einzelner massiv beeinflusst. Biografien, Schicksale, Lebenswege - ohne 9/11 wären sie womöglich ganz anders verlaufen. ZDFinfo fragt Augenzeugen und Hinterbliebene, Künstler, Politiker, Wissenschaftler und Wirtschaftsbosse.
Augenzeugen und Betroffene berichten
Julie von Kessel
Am 11. September 2001 ist Julie von Kessel früh im ZDF-Büro in New York, sie soll an dem Tag von der Fashion Week berichten. Um 8 Uhr 45 kommt der Büroleiter und berichtet, dass ein Flugzeug in einen der Türme des World Trade Centers geflogen sei. Ein Unfall, denken sie. Vor ein paar Tagen war ein französischer Fallschirmspringer auf dem Turm verunglückt. Dann geht alles sehr schnell. Die zweite Maschine fliegt um neun Uhr drei in den zweiten Turm und Julie von Kessel wird mit einem Kameramann losgeschickt. Sie sollen Bilder und Geschichten von WTC bringen, sollen nah ans Geschehen heran. Dass sie knapp 50 Minuten später um ihr Leben laufen werden, ahnt sie noch nicht.
Mathias Bröckers
Am 11. September 2001 schreibt Mathias Bröckers in seinem Büro in Berlin an einem Buch über Verschwörungstheorien. Er ahnt nicht, dass ein historisches Ereignis bevorsteht, das sein Buch zu einem Bestseller machen wird. Als ein Freund anruft und ihn informiert "in New York ist etwas passiert, mach den Fernseher an", verfolgt der Journalist gebannt die Ereignisse. Als nach knapp einer Stunde die ersten Hinweise auf einen Terroranschlag kommuniziert werden und der Name Osama Bin Laden fällt, wird Bröckers skeptisch: "Es konnte kein Mensch mit diesem heimtückischen und fatalen Angriff rechnen. Aus heiterem Himmel ist Amerika überfallen worden und gleichzeitig weiß man auch sofort, wer es war." Für ihn ist klar: Das stinkt gewaltig. Und er beginnt sein Buch neu zu schreiben.
Pegah Ferydoni
Pegah Ferydoni ist 2001 eine junge Nachwuchsschauspielerin. Als sie am 11. September die Bilder des brennenden World Trade Centers sieht, denkt sie an Special Effects. Doch schnell ist alles erschreckend real und die damals 18-Jährige bekommt Panik: "Jetzt geht's los, das wird der dritte Weltkrieg." Ihre Ängste und Gedanken hält die junge Deutsche mit iranischen Wurzeln in den folgenden Tagen auf Tonband fest - heute ein Zeitzeugendokument. "Das ist das Trauma meiner Generation", sagt Pegah Ferydoni. Dass sie sich damit auseinandersetzt, dem Thema aussetzt, begründet ihre Biographie und die Reaktion ihrer Umgebung nach 9/11. Nach 9/11 muss sie sich ständig für ihre Herkunft rechtfertigen, wird über den Islam von ihren Mitschülern ausgefragt - das war vorher nicht der Fall. "Plötzlich waren alle Menschen mit etwas dunklerer Haut und dunklen Haaren unter Generalverdacht."
Hans Rahmann
Hans Rahmann liebt seinen Beruf, genießt es als Pilot die Verantwortung zu übernehmen. Der Terror des 11. September 2001 erschüttert nicht nur ihn, sondern den gesamten Luftverkehr, seine Kollegen, die Passagiere. Auf einmal gab es eine neue Situation. Entführungen kannte man im Flugbetrieb bereits, doch "dass die Entführer auf einmal nicht mehr leben wollten, das war neu". Als Vorsitzender der Stiftung "Mayday" ist Rahmann mit seinem Kriseninterventionsteam sofort nach den Anschlägen im Einsatz. Sie kümmern sich um Piloten und deren Angehörige, die in Not geraten sind. Die Gedankengänge, die bei Hans Rahmann und seinen Kollegen von "Mayday" abliefen "waren natürlich ein totales Erschrecken, weil die gesamte Weltanschauung in diesem Augenblick eigentlich zusammenbrach. Man war auf Selbstmordanschläge überhaupt nicht vorbereitet." Dennoch mussten sie schnell agieren - 30 deutsche Crews, die am 11. September unterwegs waren - galt es zu betreuen.
Murat Kurnaz
Am 11. September 2001 trifft Murat Kurnaz einen Freund, als er von seiner Ausbildungsstelle nach Hause geht. "Ein Flugzeug ist in den USA abgestürzt", berichtet der. Murat Kurnaz, 19, verfolgt zwar die Bilder im Fernsehen, ist aber politisch zu uninteressiert, wie er selbst sagt, um das einordnen zu können. Dass die Anschläge von 9/11 eine unmittelbare Auswirkung auf sein Leben haben, wird ihm erst Monate später klar: In US-Haft im Gefangenenlager Guantanamo, verdächtigt als Bremer Taliban, ein Helfershelfer der Terroristen des 11. September.
Tino Käßner
Der Zeitsoldat Tino Käßner sah am 11. September 2001 die einstürzenden Türme des World Trade Centers im Fernsehen - er dachte es sei ein Blockbuster. Er war Feldjäger in Murnau - nach 9/11 galt erhöhte Wachsamkeit, Dauerdienst. Noch ahnt er nicht, dass diese Anschläge sein Leben gravierend beeinflussen werden. Doch die Jagd nach den Drahtziehern des 11. September löst den Einmarsch in den Irak und Afghanistan aus. 2003 wurde Tino Käßner zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan berufen.
Johnny Talbot und Adrian Runhof
Am 11. September 2001 war der Mode-Designer Johnny Talbot auf dem Weg zur Fashion Week in New York. Nach sechs Stunden Flug bemerkt er auf dem Monitor in der Stuhllehne, dass das Flugzeug gedreht hat und zurückfliegt. Der Designer wird wütend. Er denkt an seine Planungen, exakt getimte Modenschauen, Kundentermine und die teuren Roben im Bauch des Flugzeugs, als der Pilot persönlich in den Passagierraum kommt und sagt: "In New York hat es einen großen Unfall gegeben". Adrian Runhof, Geschäftspartner und Freund, sieht zur selben Zeit in München das World Trade Center in Flammen und ihn quält nur ein Gedanke: "Sie wissen nicht, wie viele Maschinen gekapert sind und Johnny sitzt in einen Flugzeug nach New York."
Uwe Boll
Uwe Boll ist radikal, umstritten, provokativ. In seinem Film "Postal", der 2007 veröffentlich wurde, packt er 9/11 satirisch an. Er wollte anders mit dem Thema umgehen, wachrütteln, seine Wut über Bush und dessen Politik, die Medien und über fanatische Selbstmordattentäter zum Ausdruck bringen. Die Amerikaner reagierten entsetzt: Er verhöhne die Opfer. Von ursprünglich 1000 US-Kinos spielten nur sechs den Film. Auch in Deutschland weigerten sich die großen Kinoketten. Im TV war er nie zu sehen.
Jan Reinmüller
Der große Traum: New York. Für Jan Reinmüller ging er im August 2001 in Erfüllung. Nach knapp 200 Bewerbungen bekommt der 25-Jährige ein Praktikum bei einem Medienunternehmen im IT- Bereich -mitten in Manhattan. Genau der richtige Ort, denn Jan faszinieren die Hochhäuser und der Puls der Metropole. Doch dieser Puls wird jäh gestoppt - zwei Wochen nach Jan Reinmüllers Ankunft kommt der Terror.
Florian Holsboer
Am 11. September 2001 packt Prof. Dr. Florian Holsboer seine Koffer. Nach einem erfolgreichen geschäftlichen Aufenthalt in New York will der Wissenschaftler zurück nach Deutschland fliegen. Als er aus dem Hotelfenster in 400 Meter Luftlinie entfernt sieht, wie ein Flugzeug in das World Trade Center kracht, beginnt er wie manisch das unwirkliche Szenario zu fotografieren. Die Türme rauchen, sie brennen, sie fallen. Unzählige Bilder später klafft ein Loch in der berühmten Skyline von Manhattan.
Iris Berben
Iris Berben steckt am Tag des Terrors mitten in Dreharbeiten in der Toskana. Als sie in dem kleinen beschaulichen Dorf erstmals die Bilder sieht, ist sie geschockt. "Der Moment, in dem die Flugzeuge in die Türme fliegen, was ja auch wie eine Schleife immer wieder gezeigt worden ist, der hat für mich eine solche Brutalität, ich finde gar kein Wort dafür." Die Bilder seien für sie ein Symbol geworden "für abgrundtiefen Hass". Noch heute kann die Schauspielerin die Sequenzen nicht ertragen.
Lars Fiechtners Schwester Ingeborg ging 1967 nach New York - sie war eine lebenslustige Frau, reiste schon als junges Mädchen durch Europa, war mondän und modern. Nach dem Studium besuchte Lars sie oft in New York, kam später mit Frau und Kindern. Am 11. September wusste Lars nicht, ob seine Schwester wirklich schon im World Trade Center war. Er sah die Bilder, bangte um die Schwester - tagelang kam kein Lebenszeichen. Schließlich der Anruf von Freunden: Seine Schwester lebt. Sie liegt im Krankenhaus, erlitt aber schwere Verbrennungen. Für Lars Fiechtner steht fest: Er muss zu seiner Schwester.
Wenige Tage später erreicht er New York, fährt ins Krankenhaus. "Von meiner Schwester war nichts zu erkennen. Es war eine Mumie." Ihre Verbrennungen sind so stark, dass sie wenige Wochen nach dem Anschlag an Multiorganversagen stirbt. Ingeborg Joseph wurde 60 Jahre alt. In New York war Lars Fiechtner seitdem nicht mehr. Der Bezugspunkt, seine Schwester, sei nicht mehr da. Sie ist in ihrer Heimatstadt Berlin beigesetzt. Dort besucht ihr Bruder sie Jahr für Jahr an ihrem Geburtstag im Oktober.


